**TEIL 1**
„Mama, ich kann keine einzige Sekunde länger die Ehefrau dieses Mannes sein.“
Mit diesen Worten brach Katherine auf dem dicken Teppich zusammen. Ihr kunstvoll gearbeitetes Spitzenhochzeitskleid lag zerknittert unter ihr, als wäre es achtlos weggeworfen worden. Sie rang nach Luft, ihre Atmung war flach und hektisch, und in ihren weit aufgerissenen Augen lag eine Angst, wie Grace sie noch nie gesehen hatte – nicht bei einer Frau, die erst wenige Stunden zuvor ihrem Ehemann ewige Treue geschworen hatte.

Nur eine Stunde zuvor hatte das Anwesen von Oakhaven Springs noch nach Gardenien, Buttercremetorte und teurem Bourbon geduftet.
Zwischen den uralten Eichen funkelten goldene Lichterketten wie herabgefallene Sterne. Die letzten Gäste verabschiedeten sich voller Bewunderung für die perfekte Hochzeit, während Verwandte lachend am Kutschenhaus standen und den gelungenen Abend feierten.
Grace hatte jahrelang auf genau diesen Tag gewartet.
Caleb war ihr einziger Sohn, ihr ganzer Stolz. Mit einem Vollstipendium hatte er Bauingenieurwesen studiert, arbeitete inzwischen erfolgreich bei einem renommierten Infrastrukturunternehmen nahe Richmond und galt als verantwortungsbewusst, fleißig und respektvoll.
Als er Katherine vor zwei Jahren zum ersten Mal mit nach Hause brachte, hatte Grace sofort das Gefühl, endlich die Tochter gefunden zu haben, die sie nie gehabt hatte.
Katherine versuchte nie, jemanden mit großen Gesten zu beeindrucken. Sie erschien in einer schlichten Baumwollbluse, schenkte allen ein zurückhaltendes Lächeln und half ganz selbstverständlich im Haushalt.
Während einige Verwandte abfällige Bemerkungen über ihre bescheidene Herkunft machten, krempelte Katherine wortlos die Ärmel hoch und begann, das Geschirr zu spülen.
Von diesem Tag an legte Grace ihr bei jedem Besuch ihre Lieblingsgebäckstücke zurück, kochte sonntags ihr berühmtes langsam geschmortes Rinderbrustgericht und nannte sie irgendwann ganz selbstverständlich „mein Schatz“.
Genau deshalb blieb ihr beinahe das Herz stehen, als ein markerschütternder Schrei die nächtliche Stille zerriss.
Er kam aus dem Schlafzimmer des frisch verheirateten Paares.
Es war kein überraschter oder spielerischer Aufschrei, sondern ein verzweifelter Hilferuf – als würde jemand um sein Leben kämpfen.
Robert fuhr erschrocken aus dem Schlaf.
„Hast du das gehört?“, fragte er mit bleicher Miene.
Grace war bereits aufgesprungen.
„Das war Katherine. Da bin ich mir sicher.“
Barfuß rannte sie den langen Flur entlang und stolperte beinahe über ihren Morgenmantel. Ihr Schwager Frank, der nach der Feier zum Aufräumen geblieben war, stürmte bereits die Treppe hinauf.
„Was ist hier oben passiert?“, rief er.
Grace antwortete nicht. Sie hämmerte mit beiden Fäusten gegen die schwere Eichentür.
„Caleb! Katherine! Macht sofort auf!“
Keine Antwort.
Sie schlug noch heftiger gegen das Holz.
„Caleb! Öffne diese Tür sofort!“
Doch hinter der Tür blieb alles unheimlich still.
Schließlich drängte Robert sie sanft zur Seite und warf sich mit voller Kraft gegen die Tür. Mit einem lauten Krachen brach das Schloss.
Was sie im Zimmer sahen, hatte nichts mit einer Hochzeitsnacht gemeinsam.
Das Bett war unberührt. Die dekorativen Rosenblätter lagen noch ordentlich auf den Laken. Zwei Champagnergläser standen ungeöffnet auf dem Nachttisch.
Katherine saß zusammengekauert an der Wand. Sie umklammerte ihre Brust, zitterte am ganzen Körper und wirkte, als wäre sie gerade einem Albtraum entkommen.
Auf der anderen Seite des Zimmers saß Caleb auf dem Boden. Sein weißes Hemd war aufgeknöpft, Schweiß lief ihm über das Gesicht, und sein leerer Blick verlor sich irgendwo im Raum.
Grace kniete sich sofort neben Katherine.
„Mein Kind, was ist passiert? Bitte erzähl es mir.“
Katherine zuckte erschrocken zurück.
„Bitte… kommen Sie mir nicht näher.“
„Du bist bei mir sicher“, sagte Grace leise.
Katherine hob den Blick.
„Mama… ich kann seine Frau nicht mehr sein. Dieser Mann… er hasst mich.“







